Dark City
Dark City (2026)
Text by Carla Erdmann
We are located at a metropolis devoid of daylight, whose architecture is continuously modified beyond perception. Its inhabitants remain unaware that they are participants in an experiment conducted by outer world entities. Memory, orientation, and identity become destabilized as urban space quietly reorganizes itself. As in the narrative of the science-fiction neo-noir film by Alex Proyas from 1998, after which this photographic work is titled, the city emerges as an active organism: buildings expand, streets realign, districts are newly formed and structurally transformed. Architecture is no longer conceived as a static backdrop, but as an operative force that shapes perception and influences behavior.
This conception aligns with Henri Lefebvre’s theory articulated in The Production of Space (1974), in which space is understood not as a neutral container but as an active agent in the production of social reality. Drawing on these theoretical premises, the photographic work „Dark City“ examines the laboratory-like character of Hamburg’s HafenCity district in Northern Germany. Rather than offering a direct commentary on Europe’s largest inner-city development project, the work opens a discursive space for subjective questions that arise within a hyper-modern urban environment.
HafenCity presents itself as an ambitious model of integrated urban development, seeking to reconcile local conditions with global imperatives. Yet the question remains as to how a rationally calculated urban concept, constructed from stone, concrete, steel, and glass, and largely developed through top-down planning processes excluding civil society, impacts human experience. What role is assigned to nature within this framework, and what does this reveal about human’s relationship to it? Which aspects of the planning logic remain legible on the surface? Assuming that architecture materializes relationships between humans, other living beings, and dimensions of space and time, this work investigates how such relationships manifest in a space like HafenCity.
The built environment appears simulation-like, lacking organically evolved structures. Unpredictable elements such as weathering, homelessness, graffiti, animal traces, and patina are treated as disturbances that undermine the intended visual coherence. Nature, optimized according to economic criteria, is introduced only in controlled quantities. Trees and green spaces function less as ecological agents than as decorative components of a pseudo-natural planning aesthetic. Their presence consistently signals human intervention and reveals green spaces and trees to be more of a projection of social interests than a true integration of nature into urban development.
By focusing on the tension between design and use, „Dark City“ questions the agency of architecture and reframes perceptions of a seemingly contemporary urban space. Through staged lighting and nocturnal settings, the photographs eschew documentary realism in favor of dramaturgical construction. Objects, among them trees, are isolated, rendered strange, and disrupt the projected order of the environment. The images expose the construction behind the construction, challenging the appearance of perfection like a fissure within a controlled system. The series ultimately asks: whose interests shape this architecture, how does it function in lived reality, and which human qualities does it enable – or suppress?
(DE)
Dark City (2026)
Text von Carla Erdmann
Wir befinden uns in einer Metropole ohne Tageslicht, deren Architektur im Verborgenen fortlaufend verändert wird. Den Bewohner*innen bleibt unbewusst, dass sie Teil eines durch fremdartige Entitäten durchgeführten Experiments sind. Erinnerung, Orientierung und Identität geraten ins Wanken, während sich der urbane Raum unbemerkt neu formt. Ähnlich wie in der Handlung des Science-Fiction Neo-Noir Films von Alex Proyas aus dem Jahr 1998, dem die fotografische Arbeit ihren Titel entlehnt, wird die Stadt selbst zu einem aktiven Organismus: Häuser wachsen, Straßen verschieben sich, Quartiere entstehen neu und verändern ihre Struktur. Architektur erscheint nicht als statischer Hintergrund, sondern als Kraft, die Wahrnehmung lenkt und Verhalten formt.
Eine Auffassung, wie sie der Philosoph und Soziologe Henri Lefebvre 1974 in seiner Schrift „Produktion des Raums“ beschreibt, wenn er feststellt, dass Raum kein bloßer Behälter, sondern selbst Akteur ist, der soziale Wirklichkeit beeinflusst. Ausgehend von den vorgestellten Ansätzen setzt sich die fotografische Arbeit „Dark City“ mit der laborartigen Anmutung des neuen Hamburger Stadtteils HafenCity auseinander. Dabei geht es nicht in erster Linie darum, eine Aussage über das größte Stadterweiterungsprojekt Europas zu treffen. Vielmehr eröffnet die Arbeit einen Raum für subjektive Fragen, die beim Aufenthalt in einem hypermodernen Areal wie diesem auftauchen können.
Die HafenCity versteht sich selbst als ambitioniertes Modell integrierter Stadtentwicklung, das lokale Bedürfnisse und globale Anforderungen verbinden will. Doch welche Wirkung hat das rational kalkulierte Urbanitätskonzept aus Stein, Beton, Stahl und Glas, das im Wesentlichen unter Ausschluss der Zivilgesellschaft im „Top-down-Verfahren“ entwickelt wurde, auf uns Menschen? Welchen Platz bekommt darin die Natur und was sagt das über das Verhältnis des Menschen zu ihr aus? Was bleibt von der Konstruktion hinter den Kulissen an der Oberfläche sichtbar? In der Annahme, dass Architektur das Verhältnis des Menschen zur Welt, zu anderen Lebewesen, zu Raum und Zeit materialisieren kann, untersucht die Serie „Dark City“, was davon in einem Stadtraum wie der HafenCity ablesbar ist.
Die bebauten Flächen wirken auch im echten Leben wie Simulationen, da ihnen gewachsene Strukturen fehlen. Unberechenbare Faktoren wie Witterung, Obdachlose, Graffitisprayer oder Hundekot und nicht zuletzt Patina sind unerwünschte Spuren und stören bei fortschreitender Nutzung den konsistenten Gesamteindruck. Natur ist in der nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten optimierten Umgebung nur in minimalen Dosen implementiert. Bäume, Beete oder Grünfl.chen fungieren weniger als eigenständige ökologische Akteure denn als dekorative Elemente einer pseudo-naturnahen Planung. Ihre Präsenz verweist stets auf menschliche Eingriffe: Gepflanztes Grün ist Ausdruck gesellschaftlicher Interessen und Wünsche.
Die Arbeit „Dark City“ will auf den Konflikt zwischen Entwurf und Nutzung fokussieren und durch die Hinterfragung der Wirkmacht von Architektur ein anderes Licht auf einen vermeintlich modernen Stadtraum werfen. Die Bilder sollen ein Sichtfenster in die Konstruktion dieser Umsetzung sein, deren planerische Gedanken bereits etwa 25 Jahre alt sind. Das fotografische Konzept mit seinen disruptiven Eindrücken greift die Hinterfragung des Areals visuell auf. Durch das gesetzte Licht in der Dunkelheit werden keine realen Eindrücke dokumentiert, sondern eine dramaturgisch bearbeitete Inszenierung einer realen Kulisse präsentiert. Signifikante Gegenstände werden durch dieses Stilmittel aus ihrem Kontext gelöst. Die angeblitzten Objekte, darunter auch Bäume, erscheinen verfremdet bis surreal und unterbrechen den intendierten Gesamteindruck. Darüber hinaus ist die Konstruktion hinter der Konstruktion zu sehen, die deren Makellosigkeit infrage stellt, gleichsam eines Risses in der Matrix. Wer und welche Interessen stehen also hinter dem Entwurf und wie funktioniert dieser in der Realität? Welche Qualitäten werden durch diese Architektur bei Besuchenden gefördert? Welche nicht?
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